17.Jul.2010 Mary Kari erzählt aus ihrem Leben

MARY KARI

Eine schöne, dunkelhaarige, zierliche Frau, geboren 1969 in Teheran und nunmehr lebend in dieser Stadt, empfängt mich an der Tür. Die großen, wachen Augen mustern mich. Wieder einmal eine Art Erwachen aus der Irritation, die einem das Leben ermöglicht. Ich weiß nicht genau, was ich mir vorgestellt hatte, aber eben nicht das. Zwei agile Menschen, sie und ihr Mann, Anfang vierzig in einer liebevoll eingerichteten Drei-Zimmer Altbauwohnung im Erdgeschoß. Mir ist sofort klar, dass das Erdgeschosswohnen eine gute und wohl auch die einzige nachbarschaftskonfliktfreie Wohnlösung ist, wenn ich die zwei kleinen aktiven Zwillinge sehe. Ich bin hier, hier um als Einzelfallhelferin der Familie zur Seite zu stehen. Eines der Zwillinge ist körperlich und eventuell auch geistig stark eingeschränkt.

Aber zurück zur Irritation. Sie, die Mutter beeindruckt mich von Anfang an. Sie ist eine Kämpferin, die alles und jedem nachgeht, nichts für gegeben hinnimmt und die wunderbare Fähigkeit besitzt, sich und ihre Umwelt immer wieder neu zu überdenken und zu erfinden. Habe ich mir wohl doch etwa eine dickliche, kopftuchtragende Frau vorgestellt? Ja, in diese Richtung gingen meine Vorstellungen. Daran konnten auch meine Vorinformationen über die Familie nicht rütteln. Erschreckend.

Sie arbeitet seit 2003 halbtags als Zahnarzthelferin in einer Praxis. Tom, der Vater ist seit sechs Jahren in einer Firma für die Untertitelung von Kinofilmen und DVDs tätig. Sie kennen sich ungefähr so lange wie die Kinder alt sind. Es sind inzwischen drei Jahre.

Es war an einem Januarabend, dass wir, sie und ich uns auf einen gemeinsamen Abend verabredeten. Mich interessierte ihre Geschichte, ihre Gedanken, wie sie das Leben verstand, gleichwohl ich schon bemerkt hatte, dass wir so eine Art Seelenverwandtschaft fühlten, dass uns wohl unsere Geschichten und Erfahrungen unterschieden, aber die Art zu denken und zu handeln eng verband. Zeitweilig malte ich mir dann aus, dass wir uns miteinander langweilen könnten, weil man ja eh schon weiß, was die andere sagen wird. Derartige Begegnungen sind selten – zumindest ich habe bisher noch nicht viele dergleichen erfahren – und natürlich alles andere als langweilig. Sie machen froh und können, wenn die Härte des Lebens gerade sehr stark in einem drückt und spannt, etwas Halt geben und der Hoffung auf, dass schon alles gut ist, und wenn nicht, dann doch ganz sicher werde, neuen Glanz verschaffen.

Im Iran hat sie einige Jahre Architektur studiert und wollte das Studium in Deutschland beenden, jedoch wurde ihr in dieser Stadt nichts von ihren bereits geleisteten Studienleistungen anerkannt. Sie hätte nach Bielefeld gehen können, dann wiederum Schwierigkeiten mit ihrem Aufenthaltsstatus bekommen. Da diese Angelegenheit in dieser Stadt zu ihren Gunsten zu verlaufen schien, musste sie Prioritäten setzten und entschied sich zu bleiben und einen beruflichen Neuanfang zu starten. Es folgte nach zwei Jahren Sozialhilfe eine Ausbildung zur Zahnarzthelferin. Inzwischen ist es ihr relativ egal, welche Arbeit sie macht. Sie muss ihr etwas Freude bringen und vor allem genügend Geld für ein angemessenes Auskommen ihrer Familie. Ihr derzeitiger Job bietet diese finanzielle Perspektive nicht. Sie ist auf der Suche nach einer anderen Tätigkeit.

In diesem Zusammenhang denke ich an Adrienne Göhler. Sie spricht in ihrem Buch Verflüssigungen von diesem so genannten Zwischenraum, in dem sich unsere Gesellschaft scheinbar befindet. Auch Mary und Tom scheinen sich stark darin orientieren zu müssen. Sie haben ihr Auskommen, können sich aber darüber hinaus keine Extras leisten. Ihre beruflichen Laufbahnen folgen keiner Geradlinigkeit. Jeder kann sich etwas anderes vorstellen, aber die Abhängigkeit zu dem jetzt Bestehenden wird als groß empfunden. Dennoch, Mary zeigt Mut und Offenheit für neue Wege, probiert sich im Schreiben und der Fotografie aus, auch wenn sie mit zwei Kindern die Fesseln der finanziellen Sorgen deutlicher spürt als früher.

Die Ruhe und die Kraft, die beim Erzählen ihrer Lebensgeschichte mitschwingen beeindrucken mich. Vielen Exiliranern geht es nicht gut in Deutschland. Sie kommen hierher, haben sich alles ganz anders und vor allem einfacher und besser vorgestellt. Man muss sich auf das Wesentliche konzentrieren, sagt sie. In Gesprächen mit ihren Freunden, die ebenso den Iran verlassen haben wie sie, thematisiert sie immer wieder, dass man das Wieso und Weshalb nicht vergessen darf. Sie habe Freiheit gewollt und die hat sie hier in Deutschland bekommen. Im Iran war sie gefangen im Goldenen Käfig. In der Familie und beruflich hat sie alles gehabt, aber nach Außen konnte sie sich nicht frei bewegen. Der Film Persepolis erzählt auch ihre Geschichte, sagt sie. Sie hat ihn sich zweimal angeschaut. Es ist immer wieder das Bewusstmachen ihrer individuellen Wünsche, sich klar zu machen, dass sie hier in diesem Leben Menschen treffen kann, wann und wo sie will. Die Gefühle von Sehnsucht und Heimweh dürfen einfach keinen großen Raum einnehmen, sonst geht man kaputt daran.

Sie ist kein Mensch, der zurück schaut und von hätte, wenn und aber spricht, aber sie schaut sich die Dinge, die da sind, ganz genau an. Sie ist nicht religiös, aber sie glaubt an Gott und dass Gott ihr zeigen wollte, dass sie nicht über Leben und Tod zu entscheiden hat. Ein behindertes Kind wäre für sie niemals in Frage gekommen. Und auch heute würde sie sich dagegen entscheiden, wenngleich sie ihre beiden Töchter über alles liebt und ihre Mutterrolle als lebenslange Begleiterin versteht, die ihren Kindern alles, was sie weiß und kann weitergeben wird, ohne sich selbst dabei aufzugeben. Tom und sie sind durch ihren Optimismus und ihre Gutgläubigkeit zu schnellen und unüberlegten Entscheidungen gekommen, was den Verlauf der Schwangerschaft angeht. Schon nach kurzer Beziehungsdauer ist sie unerwartet schwanger geworden, dann erfuhren beide, dass sie eineiige Zwillinge bekommen werden und plötzlich in der 23. Woche wird deutlich, dass das Risiko der Zwillingstransfusion eingetreten ist und sie schnellst möglichst handeln müssen. Innerhalb einiger Stunden haben sie entscheiden müssen, ob sie den Eingriff machen lassen wollen oder nicht. Für sie beide ging es dabei um Leben oder Tod der Zwillinge. Dass das Risiko einer Behinderung beider oder eines Kindes bei 8% Prozent liegt, das wird ihnen erst klar eine Stunde vor OP-Beginn als sie die Einverständniserklärung der Ärzteschaft für das mögliche Auftreten von Komplikationen während der OP unterschreiben müssen.

Es gibt drei Formen der Schwangerschaft bei eineiigen Zwillingen. Bei der Form, wo jeder Zwilling eine eigene Fruchtblase hat und sich beide von einer Plazenta, also von einem Kreislauf ernähren, kann es zwischen der 16. und 24. Schwangerschaftswoche in einem von 120 Fällen dazu kommen, dass der Kreislauf zur Überversorgung des einen und zur Unterversorgung des anderen Kindes führt. In der 20. Woche hat der Arzt erklärt, dass sie zur Risikogruppe gehören würden, aber nicht erklärt, was genau das bedeutet. Die beiden sollten darauf aufpassen, ob etwas Ungewöhnliches in der nächsten Zeit entstehen würde, ob unter anderem der Bauch extrem größer würde. In der 23. Woche wurde der Bauch extrem größer und das Drama nahm seinen Lauf.

Den Eingriff kann man bis dato nur in Hamburg vornehmen lassen. Der Schock war so groß, dass Mary ihren Arzt nur weinend anflehen konnte, ihre Kinder zu retten und so empfahl er ihnen die Klinik in Hamburg. Am nächsten Tag sind sie mit dem geliehenen Auto von Toms Chefin dorthin gefahren, wo man schon auf die beiden gewartet hatte. Nach dem Eingriff war dann auch gleich klar, dass eines der Kinder einen Hirnschaden davon tragen würde. Das war nun die neue, harte Realität. Sie, Mary wird ein behindertes Kind auf die Welt bringen.

Ja über Schwangerschaftsabbruch war zu diesem Zeitpunkt nicht mehr nachzudenken. Mary hat diesen Wunsch dem Arzt gegenüber nur einmal erwähnt, der dann aber meinte, dass es jetzt zu spät sei. Sie hatten einfach nicht genug Zeit, um besonnen zu überlegen. Fast ist sie sich sicher, dass der Arzt für seine Forschung bewusst schwammige Informationen gegeben hat. Er hat die beiden wahrscheinlich in der 20. Woche nicht beunruhigen wollen, um in ihnen die Gedanken über Abbruch der Schwangerschaft nicht großartig zu wecken. Eineiige Zwillinge sind selten und die Erfolgschancen jenes Eingriffs sind noch nicht genug erforscht. Jeder Proband ist wichtig, um aussagekräftige Daten liefern zu können.

Nun ist sie wirklich Mutter, Mutter von zwei Töchtern, eineiigen Zwillingen und eines davon ist behindert. Sie träumt davon, dass Shivaa wird selbständig sein können, und dass Sheydaa in dem Gefühl aufwächst, verantwortungsvoll ihrer Schwester gegenüber zu sein, ohne sich von der Verantwortung erdrücken zu lassen. Mary ist ihrem Leben gegenüber dankbar, dankbar, dass sie so viele gute Menschen um sich hat und ein freies Leben führen kann.

Und manchmal, manchmal sind die Last und Verantwortung spürbar groß. Dann träumt sie davon, wie ihre Mami plötzlich und endlich die Tür öffnet, so wie früher als sie mit dreizehn Jahren mehre Tage auf ihre vier jüngeren Brüder aufgepasst hat. Und dann alle Verantwortung von ihren Schultern fällt und sie sich nur noch um sich kümmern muss. Aber Mami wird nicht mehr kommen, denn sie ist jetzt die Mami, eine starke und stolze Mami, die an ihrer Stärke und ihrer Geschichte nicht hart geworden ist und deren Tränen mich in diesem Moment unglaublich anrühren.

10.Jun.2010 Von den Begrifflichkeiten der Sozialen Arbeit

Eigentlich hatte sich unser Träger dazu hinreißen lassen, ein passendes Motto für unsere Organistaion zu kreieren. Und ganz im Sinne der cooperate identity konnten sich alle Kollegen an der Mottofindung beteiligen. Nun denn. Es gab viele Ideen und viel Kritik darüber, was das Ganze überhaupt soll.

Schließlich hat dann einer unserer Mitarbeiter, der in der Rolle des letztendlichen Entscheiders fungiert – er ist nämlich eigentlich unser Geschäftsführer, aber das hört er nicht so gerne und ich glaube ihm das auch, aber, aber in einer Konkurrenzgesellschaft, von der sich auch der Träger nicht abschotten kann, ist und bleibt er der Chef der ganzen Angelegenheit – hat diese ganze Mottogeschichte für idiotisch befunden und sich überlegt, dass die Mitarbeiter doch einmal so eine Art Aphorismen zu bestimmten Begrifflichkeiten der Sozialen Arbeit aufschreiben könnten. Daraus würde dann ein kleines Buch entstehen. Ideen, Ideen, davon haben wir hier alle viel. Mal sehen, was aus dieser wird. Ich bin jedenfalls gespannt, was den Kollegen dazu einfällt. Mir persönlich hat das schon etwas Spass gemacht und ich habe deshalb meine Gedanken hier nochmals notiert.

Was verbindest Du mit interkultureller Arbeit/mit lebensweltorientierter Sozialer Arbeit/ mit interkulturellem Lernen/ mit interkultureller Handlungskompetenz?

Lebensweltorientierte Soziale Arbeit ist

- Die Liebe zum Detail

- Eine Premiere nach der anderen

- Eine beeindruckende Umschreibung für die staatlich verabreichte

Beruhigungstablette

- Ein Konzertstück, das auf hundertfache Weise interpretiert werden kann

- Ein Leben, wie im Film

- Eine Kiste voller Überraschungen, die man für nichts in der Welt kaufen kann, aber

sich dafür auch nicht aussuchen darf

- Die unendliche Geschichte

Interkulturelle Arbeit ist

- Die Unerträgliche Leichtigkeit des Seins

- Geschichten lesen zu können, die noch keiner geschrieben hat

- Ein Perpetuum mobile

- Die Agentur für verbale und nonverbale multilinguale Netzwerkkommunikation

- Himmel und Hölle im ewigen Streit

Interkulturelle Handlungskompetenz bedeutet

- Ein reflektierter Workaholic zu sein

- Die tägliche Reise in ferne Länder, ohne Jetlag und Kulturschockempfinden

- Mehrere Romane gleichzeitig zu lesen und die Stories und Figuren auseinander

halten zu können

- Den Wald vor lauter Bäumen doch noch zu sehen

- Ich sehe was, was Du nicht siehst

- Das Vertrauen darin, das ein unerwartetes Kinderlachen, ganz plötzlich den eigenen Dramablick relativieren kann

- Die Frage nochmal anders stellen

- Auch „Ich“ bin entbehrlich

- Die Vision von einer Welt, in der Menschen, ohne Angst, anders sein können

- Dass Sortierungen nach Kultur und Nation und Hautfarbe und Geschlecht und Alter und Identität mir nichts bedeuten

- Der Tropfen auf dem heißen Stein, der gut platziert sein will

Interkulturelles Lernen heißt

- Die innere Überzeugung: Resignation ist auch keine Lösung

- An sich selbst zu lernen

- Den Merkzettel: >Heute etwas für mich tun< nicht ständig zu vergessen

- Heute Abend kommt ihr mir nicht mehr ins Haus

- Reduktion von Komplexität ist nicht immer ne Option

- Die Erkenntnis: Grau ist auch ne Farbe

- Schlimmer geht immer

- Das Leben ist kein Ponyhof

- Hin und wieder ein befreiendes Selbstgespräch: Was mache ich hier eigentlich?

- Burnout kann auch eine Chance sein

- Ich gehe doch jetzt nicht schlafen!

11.Apr.2010 Von Gesprächen, die noch geführt werden müssen und (vielleicht) nie gehört werden wollen – aber WIR reden drüber / und alles ist offen

Seit einiger Zeit befasse ich mich regelmäßig mit den Texten der Organisation Junge Linke gegen Kapital und Nation. Die wissen nix von mir und ich weiß wenig von denen. Wie viele Menschen zu der Organisation gehören und mit welchen Dingen sie sich in ihrem Leben sonst noch so auseinander setzen, würde mich ja schon interessieren, um über ihr Politgruppenengagement hinaus einen Eindruck über ihre praxisbezogenen Handlungsfelder zu bekommen. Ich kann da ja mal bei Gelegenheit nachfragen.

Das Ziel der Jungen Linken – so steht’s geschrieben auf der über uns Spalte ihrer Website – sind Verhältnisse, in denen einzelne ohne Angst verschieden sein können. Weiterhin wollen sie erklären, wie diskriminierende Aspekte der Gesellschaft ganz logisch, aber die eben clever verschleiert sind, mit der politischen Ökonomie zusammen hängen.

Dazu habe ich die Menschen dort so verstanden, dass sie schon meinen, dass es schließlich und endlich nur die Unterdrückten sein können mit denen hier was zu ändern geht, und deshalb das falsche Bewusstsein jener Menschen nicht ignoriert werden darf, sondern kritisch besprochen werden muss.

Tja, diese Arbeit ist dringend notwendig stelle ich konkret in meinem Arbeitszusammenhang fest. Und nun stellt sich die Frage, wem wird hier eigentlich etwas erklärt und wie wird denn versucht, das falsche Bewusstsein jener Menschen zu besprechen und mit jenen Menschen in Kontakt zu kommen? Natürlich steht es mensch frei, die Texte der Jungen Linken zu lesen und zu verbreiten und zu den Seminaren und Veranstaltungen zu kommen, aber die Menschen, die grundlegend durch die bestehenden Verhältnisse gebeutelt sind, weil sie die „falsche“ Pigmentierung haben, weil sie einen „minderwertigen“ Pass haben, oder weil sie von Bildung und Wissen systematisch ausgeschlossen werden, haben wahrscheinlich keine Ahnung, wer oder was die Junge Linke ist, geschweige denn überhaupt die Kapazitäten sich mit Gesellschaftskritik zu befassen. Jedenfalls spüre ich, je mehr ich von ihren Arbeiten lese, desto größer wird auch der Frust darüber, dass auf der einen Seite die Dinge so klar auf der Hand liegen und man eben nur zuhören und lesen muss, aber es auf der anderen Seite so schwierig ist, Menschen empfänglich für die grundlegende Kritik der falschen Verhältnisse zu machen.

Das Eine ist natürlich, dass der Einzelne stets und ständig allein mit seinem Sein eine Haltung zu den Dingen deutlich machen kann. Aber es müsste doch organisierte Mittel und Wege geben, um die Inhalte und Ziele dieser Organisation an die Leute zu bringen. Eventuell ist das bereits der Fall und ich sollte auch das bei Gelegenheit einmal nachfragen.

Jedenfalls kommen mir zeitweise Sichtweisen und Denkmuster in der Familienarbeit zu Ohren, die ich lieber nicht gehört hätte. Aber gehört ist gehört und so wende ich regelmäßig einen Teil der Arbeit dafür auf, bestimmte Themen aufzugreifen und diese mit den Eltern und Kindern zu diskutieren. Nur kann ich mich dabei nicht zu sehr aus dem Fenster lehnen, wenn meine Ansichten zu sensiblen Themen ihre heimeligen Vorstellungen ins Wanken bringen und nun auch noch ihre Weltanschauungen anfangen zu bröckeln, während sie sich schon ausreichend von ihren konkreten Lebensbedingungen drangsaliert fühlen.

Da ist zum Beispiel die Mutter H. Eine Frau, die leider eine von den schlechteren Biografien abgegriffen hat. Sie geht für fünf Euro die Stunde in der Bäckerei eines Freundes arbeiten. Der Job ist auf 400 Eurobasis angemeldet, so dass sie ihren Mehrverdienst unter der Hand ausgezahlt bekommt und gleichzeitig ihre Miete vom Jobcenter übernommen wird. Dazu bekommt sie noch das Kindergeld für ihre drei Kinder. Zusammen leben die vier Personen in einer 3-Zimmerwohnung. Seit einem Jahr ist die Mutter von ihrem Mann geschieden, weil er die zwei Söhne und seine Frau regelmäßig verprügelt hat und seine Gattin ständig vergewaltigte. Er scheint das aber nicht hinnehmen zu wollen und möchte sie unbedingt zurück gewinnen. Einen anderen Mann wird es offiziell für Frau H. nicht geben können, weil der dann leider um sein Leben fürchten müsste. Ihre beiden Söhne haben einen regelmäßigen Kontakt zum Vater, wollen ihn zwar nicht mehr an ihrer Seite wissen, aber dennoch gibt es beim leisesten Verdacht, dass sie einen neuen „Macker“ haben könnte ein riesiges Geschrei. Ihr neunzehnjähriger Sohn zertrümmert dann auch gerne mal das eh schon spärliche Inventar. Also bleiben die Männergeschichten von ihr und der siebzehnjährigen Tochter auf unbestimmte Zeit das große Geheimnis unter den Frauen. Zudem muss sie sich mit der Ausländerbehörde herumschlagen, weil sie und die drei Jugendlichen zwar in Deutschland geboren und aufgewachsen sind, aber „nur“ türkische Pässe haben. Und da ihre zwei Söhne keine Ausbildung haben und hier da straffällig geworden sind, verteilt das Amt gerne mal dreimonatige Fiktionsbescheinigungen als kleine Erziehungsmaßnahme. Und so weiter und so fort.

Und nun sitze ich mehrmals pro Woche in der Familie, sehe dabei zu, wie Frau H. sich durchs Leben kämpft, immer wieder aufsteht und die Dinge in die Hand nehmen will und vor allem noch lachen kann. Und dafür hat diese Frau meinen vollsten Respekt geerntet bis mir wieder ganz schwindlig wird, wenn wir uns im Gespräch über dies und das befinden und Frau H. dann ganz gelassen meint sagen zu können – trotz zahlreicher Gespräche mit mir über genau diese Themen – dass die Araber doch nun wirklich keine Menschen seien und sie die schlimmsten Ausländer wären. Und bei ihr in der Bäckerei würde so eine kleine, liebe Polin arbeiten, die ihre Arbeit richtig gut macht. Also die mag sie so richtig doll, weil die ist nett, ist sauber und macht gute Belegte. Aber dann gibt’s da noch die Fette, also die tut ihr ja auch Leid, aber die sieht so hässlich aus und Frau H. kann echt nicht verstehen, warum die nicht ein paar Kilos abnimmt. Tja bei Männern findet sie es anziehend, wenn die etwas dicker und kräftiger sind, aber bei Frauen ist das eben richtig eklig…

Kau, kau…mein Ohr ist ab. Derlei Lebensweisheiten höre ich in verschiedenen Familien und das Muster ist meistens das selbe: Mir geht’s beschissen, aber es gibt immer noch die Anderen, die sich wirklich ganz unten befinden und mit denen habe ich nichts gemein und ich will auch nichts mit ihnen zu tun haben, weil die sind selbst Schuld an ihrem Elend.

Solche Denkmuster aufzubrechen braucht sehr viel Zeit und vor allem Zugangsmöglichkeiten zu den Handlungsräumen, in denen sich jene Menschen tagtäglich aufhalten. Man kommt nicht umhin sich die Lebensverhältnisse der Menschen konkret anzuschauen, um dann an sie die richtigen Fragen stellen zu können. Auch die Lebensgeschichten und -bedingungen der Unterdrückten sind völlig verschieden und deren falsches Bewusstsein muss an ihren Geschichten entlang auseinandergepflückt werden, in der ewigen Hoffnung, dass jenen Menschen an ihren konkreten Lebensverhältnissen deutlich gemacht werden kann, warum sie hier und da strukturell ausgeschlossen sind, ohne dass sie sich einem Mr. Marx innig verbunden fühlen bzw. überhaupt eine Ahnung von ihm haben müssen.

Die Teilnahme an Seminaren zu bestimmten Themen ist wahrlich wichtig für Menschen, die sich die Zeit nehmen können und wollen, um Zusammenhänge besser verstehen zu können. Das kann ich nur empfehlen. Aber parallel müssten auch andere Sachen laufen, wo sich Menschen mit einer bestimmten Kritik (Ich favorisiere nun denn die Junge Linke) auf andere Menschen zu bewegen, um Multiplikatoren für sich zu gewinnen. Wir bekommen regelmäßig Fortbildungen zu neuen Methoden in der Sozialen Arbeit geboten, aber z. Bsp. ein Seminar zum Thema bürgerlich-kapitalistischer Verhältnisse wäre in unserem Arbeitsumfeld wirklich sinnvoll.

Ich rufe mir da gerade so eine Teamsitzung von unserem Träger in Erinnerung. Die Sitzung findet einmal im Monat statt und dann werden bestimmte Themen diskutiert und man bekommt so eine Ahnung, wie die anderen mit ihren Klienten arbeiten, kann sich hier und da einen Rat geben lassen oder auch das kotzen kriegen… Da sitzen Menschen, die zum Teil auch sehr erstaunliche bis geradezu unmögliche Ansichten vertreten, die sie dann sicherlich in den Familien verbreiten. Da habe ich dann durchaus schon gehört, dass eine Drogenrazzia als erfolgreich eingestuft wird, weil die dealenden „schwarzen Jungs“ den schönen Park ruinieren, sie sich einfach nicht genug anstrengen, um hier in Deutschland klar zu kommen – sie, unsere Kollegin kommt ursprünglich aus Izmir und hat es schließlich auch geschafft – und vor allem die Kinder unserer Klienten zu Drogendealern machen könnten, die natürlich ganz schön arm dran sind und prädestiniert dafür sind, schonungslos in illegale Kreise gezogen zu werden. Merkwürdig, die „schwarzen Jungs“ und ihre Hintergründe blieben dabei völlig unreflektiert. Oder es wird eine Problematik aus einer Familie X besprochen, wo der Mann vor einem halben Jahr seine Frau verloren hat, jetzt mit seinem Kind alleine klarkommen muss und wahrscheinlich dabei ist sich in die Fachkraft zu verlieben. Und nun wird von der Kollegin gewünscht, dass vornehmlich die männlichen Kollegen mit arabischem Hintergrund ihren Rat dazu abgeben, wie sich die Kollegin zu dieser Situation verhalten könnte. Viel Protest gab es in diesem Moment nicht und der Einwand einiger Kollegen, dass es hier weder um Mann oder Frau geht noch um Araber, sondern um Verlust und Einsamkeit, wurde zwar zur Kenntnis genommen, aber die Problematik derartiger Denkansätze blieb erstaunlich unbesprochen. Die Einsicht, dass Menschen es mit Menschen zu tun haben und es keine arabischen Gefühle oder deutsche Emotionen gibt, scheint bei vielen Menschen noch nicht angekommen zu sein.

Tja, es bleibt dabei. Es gibt viel zu tun. Und wir brauchen Gespräche, die noch geführt werden müssen und (vielleicht) nie gehört werden wollen.

Und so ist mir in diesem Zusammenhang nämlich noch ein anderer Punkt wichtig zu benennen. Gerade wenn man sich nicht so linkisch auskennt, in keiner Politgruppe aktiv mitarbeitet und dennoch Ansichten und eine bestimmte Haltung mit jenen Menschen teilt, kann die linke Szene sehr ausgrenzend und ausladend auf einen Fremdling wirken. Vielleicht ist das gewünscht oder wird im Gegenteil sogar als Problemfeld bearbeitet? Ich weiß das nicht und sollte mich auch an dieser Stelle wieder durchfragen. Vielleicht nehme auch nur ich aus der eigenen Unsicherheit heraus diese Abschottung wahr, weil ich nicht auf dem aktuellsten Stand bestimmter Diskussionen bin, eine Brise zu viel Coolness in der Szene verspüre und Begriffe, wie Lohnarbeit oder Konkurrenzgesellschaft nicht zu meinem gängigen Sprachgebrauch gehören?

Ganz sicher bin ich mir nicht und ich nutze die Gelegenheit dieses Thema ins Gespräch zu bringen. Mir fällt jedenfalls auf, dass für Außenstehende der Eindruck entsteht, als ob es so etwas wie die Linke gebe, so eine Art Einheit der Linken. Ich kann damit wenig anfangen, weil damit genauso schnell, wie bei anderen Minderheiten ein gewisser Stolz der linksradikalen Minderheit in den Vordergrund tritt, wo es doch um die Kritik gesellschaftlicher Verhältnisse gehen soll, die wiederum möglichst viele Menschen vertreten und verbreiten sollen.

Und da finde ich es wichtig, dass sich auch diese Gruppe ihrer gewollten oder ungewollten abgrenzenden Wirkung immer wieder stellt und registriert, dass es auch andere Menschen gibt, die sich genauso für bestimmte Themen interessieren und eventuell mit ihnen ins Gespräch kommen wollen würden. Und es somit auch eine notwendige Arbeit ist, Offenheit nicht nur verbal zu kommunizieren, sondern konkret umzusetzen, indem man immer wieder bereit ist mit neuen Menschen in Kontakt zu kommen, Wege findet, um auf sie zu zugehen und nicht müde wird mit seinen Erklärungen vielleicht immer wieder bei null anzufangen.

Ich denke das ist eine Arbeit, die wir alle leisten müssen.

21.Mrz.2010 Stressfaktor – Vielfalt erleben und aushalten

Warum bin ich so fröhlich, so fröhlich, so fröhlich, bin ausgesprochen fröhlich, so fröhlich war ich nie ….

Ich meine, mensch könnte auch einfach heulen über die ständigen Absurditäten des Alltags, aber das finde ich persönlich viel zu anstrengend und sollte man sich aufheben für die ganz “besonderen” Momente. Mein persönlicher Geheimtipp wäre da, das Heulen in die Öffentlichkeit, am besten auf eine Privatparty zu verlegen, dann können sich gerade die darin Ungeübten noch Tage lang mit dieser Aktion auseinandersetzen, sprich die Ursache und der Akt des Heulens geraten nicht all zu schnell in Vergessenheit, weil das Ereignis eben einen gewissen spektakulären Charakter aufweist und zu einer Fülle von Reflektionen, die angefangen von der eigenen psychischen Belastbarkeit, über das Mitgefühl für das eigene Ich, bis hin zur Unachtsamkeit und Willkür gegenüber den Zwangsbeteiligten, führen können  … Aber das Thema Privatparty und Heulen wäre jetzt eine andere Diskussion, die hier nur ihre Erwähnung finden sollte, da wie schon angedeutet solche “besonderen” Momente (leider) einen angemessenen Verarbeitungszeitrahmen beanspruchen.

Jedenfalls bin ich schwer damit beschäftigt, mich mal wieder mit den psychischen Belastungen auseinander zu setzen, mit denen Menschen in der Sozialen Arbeit konfrontiert sind. Und was eben häufig zur Folge haben kann, dass schlagartige Gefühlswallungen von dem Moment des Lachen wollens in das Moment des Heulen wollens und umgekehrt keine Seltenheit sind. Natürlich sind Menschen im Umgang mit Belastungen sehr verschieden, aber nach einigen Gesprächen mit mehreren Kollegen zu diesem Thema, bin ich offenbar, wenn nun auch kein Repräsentativbeispiel, so aber auch kein Einzelfall in der Erfahrung krasser Gefühlskämpfe zwischen Lach- und Heulimpuls aufgrund der fast täglich erlebten Absurditäten in anderen Familien, die in prekären und gleichzeitig in für den “Gastarbeiter” der Familie befremdlichen Lebenszusammenhängen leben.

Aber dennoch ist es gut – und man kann das sogar lernen – zumindest für eine gewisse Zeit eine bestimmte Haltung zu den Dingen, zu der Welt, die einen umgibt, zu finden. Noch immer habe ich mich doch für das Lachen entschieden …na ja also meistens.

Okay, da haben wir also wenigstens eine Haltung dazu, wie man die Dinge des Lebens grundsätzlich nehmen kann. Aber einen Umgang dazu zu finden, die Vielfalt an Problemlagen oder überhaupt an Menschen mit denen ich es in meinem Job konkret innerhalb einer Familie oder in der Summe aller Familien zu tun habe, so abzuspeichern, dass jene Erfahrungen hauptsächlich als Bereicherung des Lebens gelten und einem mit so etwas wie Gelassenheit beschenken und eben nicht ständig zu Adrenalinstößen führen, das ist mir wahrlich noch nicht gelungen.

Ich meine, hier gibt es Menschen, die bekommen diese Familienhilfe, weil die Beziehungen unter den Familienmitgliedern irgendwie gestört sind und daran gemeinsam mit der Familie gearbeitet werden soll.  Aber dass die jeweilige Familienatmosphäre belastet ist, hat verschiedene Gründe, an denen so ein Sozialarbeiter auch mal gleich beteiligt ist und sich dazu Gedanken machen muss, weil sonst an dem Eigentlichen, an den Beziehungen nicht zu arbeiten ist.

Da wäre zum einen der alleinerziehende Vater D, der sich etwas Unterstützung in der Erziehung seines Sohnes wünscht, aber plötzlich für mehrere Jahre ins Gefängnis kommt und man nunmehr die Erfahrung macht mit einem neunjährigen Kind an der Hand seinen Vater im Gefängnis zu besuchen. Also mache ich mir Gedanken darüber, was der Knast für eine merkwürdige Institution ist und welche Wirkung so eine Anstalt auf die Insassen und dieses Kind und auf mich haben. Dann kommt das Kind in ein “Kinderdorf” und jetzt besuche ich es dort regelmäßig. Und nun frage ich mich, wie das wohl ist für all diese Kinder da, mit all ihren Geschichten, die in diesem Heim zwar gut versorgt sind, aber jedes Wochenende hoffen, dass ihre nicht weniger hoffnungslosen Eltern sie abholen oder wenigstens besuchen würden.

Danach geht man dann zur Familie S und ist von vier nach Aufmerksamkeit kreischenden Kindern umgeben, die doch alle ganz tolle Sachen zu erzählen haben, aber einfach nicht genug Raum bekommen, um sich mitzuteilen. Den Raum gibt es nicht, weil die Wohnung zu klein ist und die Familie sich nicht mehr Zimmer leisten kann. Und es gibt den Raum nicht, weil Kind X und Y Schwierigkeiten in der Schule machen und es von den Lehrern richtig gefunden wird, die Kinder mit Schulverweisen zu beschenken oder ihnen die Teilnahme am Zirkusprojekt zu verweigern, obwohl sich das Kind Y gerade hierin begeistert gezeigt hat. So bin ich wieder schnell mit den Gedanken bei den Mechanismen von sozialer Ausgrenzung, dem Prozess der Gentrifizierung und/oder der verelendeten Schulsituation.

Das jedoch ist nur eine Auswahl an vielfältigen Themen, worin gängigere Aspekte, wie z. Bsp. Erlebnisse mit der Ausländerbehörde, Bedürfnisse nach Anerkennung und Liebe, Suizid oder der gesellschaftliche Umgang mit Behinderung noch gar nicht enthalten sind.

Es gibt in dieser Arbeit keine Routine und permanent befindet man sich konkret und eben sichtbar in Situationen, die einem aus ganz verschiedenen Richtungen die immer gleiche Phrase ins Gesicht klatschen, dass hier etwas verändert gehört, dass die gesellschaftlichen Verhältnisse, so wie sie sind nicht bleiben können. Und dass man immer wieder davon erzählen muss und sich am besten mit anderen zusammen tut, um in erster Linie nicht selbst von den Geschehnissen erdrückt zu werden oder nicht gänzlich der Sarkasmusschiene zu verfallen, die zwar schützend wirkt, aber gleichwohl untätig macht, um schließlich auf einer anderen Ebene, einer distanzierteren Ebene verändernd mitwirken zu können.

Bis dahin – so hoffe ich – stehe ich weiterhin erleichtert draußen vor ihren Türen, nachdem ich mich verabschiedet habe, mache innerlich so etwas wie ohm, ohm, atme tief  ein und bin unsagbar froh, dass ich ElectricOne bin und nicht Vater Schwarz oder Tochter Autismus oder Enkelin Behindert oder einfach nur Karl Am Arsch.

19.Feb.2010 Benjamins Blümchen – Eine Blume, die zu Tränen führt

Man könnte meinen, eine sozialpädagogische Fachkraft geht grundsätzlich in eine Familie mit der Absicht das eine oder andere Familienmitglied zu motivieren, Dinge anders zu tun oder eben, wenn der Blick zu stark auf der dark sight of life liegt, Anstösse zu geben, jenen Blick auf die leuchtenden Momente des Lebens zu richten…Tja, es gibt leider auch Situationen in denen genau das Gegenteil passiert und man seiner Rolle nicht gerecht wird und plötzlich nackt dasteht, knallhart ausgezogen von einem vierjährigen Mädchen. Grandios!

Ich bin also wieder in der Familie Ö mit den beiden Zwillingen N und I zusammen. Die beiden malen sehr gerne und so habe ich mit der Mutter vereinbart, dass wir zwei Tischstaffeleien besorgen, um zu testen, ob sich I dadurch leichter auf dem Papier versuchen kann, da man die Leinwand einspannen kann und somit die Malfläche nicht so leicht verrutscht, wenn I mit ihren teilweise unkontrollierten Hand- und Armbewegungen auf das Zielobjekt trifft. Aber die Tischstaffeleien erfüllen weder für I ihren Zweck noch stoßen sie auf großes Interesse bei den Kindern. Also will ich die Dinger wieder zurück geben, auch weil ich heute noch einen Grund benötige zwischendurch die Familie zu verlassen, um noch ein kleines Geburtstagsgeschenk für einen Freund von mir zu besorgen. Tja, hier beginnt schon meine Nachlässigkeit. Wenn man zu viele Dinge aufeinmal erledigen will, lässt die Konzentration für das situativ Wesentliche nach.

Also, ich gehe los und bringe diese Dinger wieder weg. Und was sehe ich? Ein Meer von Kunstblumen in diesem Bastelgeschäft. Ich finde das plötzlich ein so passendes Geschenk, so dass ich eine langstielige Blume von den weinroten und mit großer Blüte – keine Ahnung, wie die Blume heißt – mitnehme.

Ich überlege noch, ob dieser Freund sich wohl über diese Blume freuen wird. Und stelle mir vor, wie ich sie in die Tasche stopfen werde und dann später heraushole und mich darüber freuen kann, dass das Geburtstagskind sich freut…hoffentlich. Wieder angekommen bei den Zwillingen lege ich die Blume auf die Kommode im Flur und gehe zu den Kindern. N muss nach einer Weile auf die Toilette  und ruft mich wenig später zu sich. N besteht darauf, dass ich zu ihr komme und I will, dass ich sie jetzt nicht allein lasse. Also schnappe ich den Rollstuhl von I und wir kurven beide amüsiert in Richtung Flur.

Und da steht sie nun denn, da steht N mit der Blume in der Hand, die genauso groß ist wie sie und spricht zögernd zu mir.

“ElectricOne, ist das Dein Blümchen?”

“Ja, das ist mein Blümchen”, antworte ich.

“Für wen ist denn das Blümchen?”

“Das Blümchen ist für einen Freund von mir, der heute Geburtstag hat”, sage ich und sehe schon die feuchten Augen.

“Wie heißt Dein Freund denn ElectricOne?”

“Dieser Freund heißt Benjamin”, antworte ich. Sie schmunzelt jetzt etwas und meint dann, “Ah, Benjamin kriegt das Blümchen”. Ich schmunzle auch und versuche gerade den Rollstuhl vom Flur wegzubewegen, damit wir wieder auf andere Gedanken kommen, aber N lässt da nichts mit sich machen.

“Weißt Du ElectricOne, das ist wirklich nicht nett, dass Du mir und der I nicht auch ein Blümchen mitgebracht hast.” Ich schaue etwas betreten in die zwei enttäuschten Gesichter.

“Ja N, du hast recht, das hätte ich wirklich machen können.”

“Auch wenn wir nicht Geburtstag haben, könnten wir uns über ein Blümchen freuen, stimmt’s I?”

“Aahmm”, antwortet I.

“Hm, es tut mir wirklich Leid. Entschuldigt.”

“Ist schon gut ElectricOne. Morgen kaufst Du mir und der I auch ein Blümchen. Ja ElectricOne, das machen wir doch?” (Ich bin jeweils mittwochs und donnerstags in der Familie.)

“Wir schauen mal, wie wir morgen gelaunt sind und wenn wir immer noch eine Blume haben wollen, dann holen wir auch eine, okay?”

Klopf, klopf…mein schlechtes Gewissen lässt Grüßen. Die beiden sind wirklich enttäuscht von mir. In unserer letzten gemeinsamen Stunde gebe ich mir nochmal richtig Mühe mit den Zwillingen, in der Hoffnung, dass gerade N die Angelegenheit mit der Blume vergessen wird.

Und dann kommt der Schlussakt. Ich verabschiede mich und ziehe meine Jacke im Flur an. Und N kommt noch einmal angelaufen. I kann ja nicht laufen und ruft vom Wohnzimmer aus ein erneutes langes “üüsss” herüber. Jetzt blickt N wieder auf die Blume in meiner Hand, schaut mich dann traurig an, sagt nichts und wippt mit dem Kopf hoch und runter. Ich deute dies als wiederholte Ermahnung an mich und verabschiede mich in fröhlicher Tonlage von ihr. Und plötzlich kommt sie zur Haustür gelaufen, die ich gerade hinter mir schließen will, schaut durch den Türspalt, lächelt verschmitzt und sagt, “Tschüss bis morgen und grüße Benjamin Blümchen von mir”.

Ich danke Euch N & I…hab’ wieder eine Menge dazu gelernt!

Abspann: Am nächsten Tag befinden wir uns natürlich im Bastelladen und verlassen das Geschäft mit zwei weiteren Kunstblumen, die unbedingt genauso aussehen müssen wie “Benjamins Blümchen”. Und auf die Frage von N, ob sich mein Freund Benjamin über ihre Grüße gefreut hätte und ob ich ihn gefragt hätte, wie er sein Blümchen findet, gebe ich ihr eine etwas ausweichende Antwort, denn ich mag N gegenüber nicht eingestehen, dass ich mich nicht getraut habe ihre Grüße auszurichten und niemals so selbstsicher wie sie nachfragen würde, ob mein Geschenk gut angekommen ist. Das, so bin ich mir inzwischen sehr bewusst, würde N ganz sicher nicht verstehen und die nächste Standpauke wäre fällig.

07.Feb.2010 (Ohn-)Macht der Gesellschaftskritik für materiell und geistig Armutsgeplagte?

Nun denn. Ich komme fast täglich mit jungen, alten, lachenden und/oder kleinen, großen, also verschiedenen Menschen zusammen, die aufgrund bestimmter Faktoren noch mehr am Arsch sind in dieser Gesellschaft, als ich und mein Umfeld gemeinhin. Vielleicht ist “am Arsch sein” für einige kritische Leser hier an dieser Stelle zu abstrakt …und ja, ich bin auch dafür, dass da, wo es drauf ankommt genau hingeschaut werden muss. Also präsentiere ich Euch das aktuellste Beispiel eines von mir definierten menschlichen am Arsch-Seins, um dann auf meine im Titel genannte Fragestellung zu kommen.

Denn, so hab’ ich mir das einmal einfach gedacht, sofern ich nur in einen Tätigkeitsbereich gelangen würde, wo ich mit Menschen über Menschen und somit über ihre Beziehungen, Gefühle und anderen Angelegenheiten reden könnte, stünde auch immer ein Teil der Zeit für Gesellschaftskritik zur Verfügung, denn wo, wenn nicht direkt an der Basis, so dachte ich mir, ist es richtig und wichtig. Über richtig und wichtig mache ich mir auch keinen Kopf, stelle ich erst einmal nicht in Frage. Aber bei dem einmal einfach gedacht, komme ich inzwischen ins schleudern, denn hat mich doch die Praxis sozialer Arbeit tiefer in die Vielfalt der Problemlagen eingiger Menschen schauen lassen – leider kommt die Frage, ob man dies oder das eigentlich hat wissen wollen, immer erst dann, wenn sich dies oder das schon ihren Platz im Gehirn reserviert haben – um zu erkennen, dass sich jene Menschen, die sich in systematisch marginalisierenden Strukturen befinden, überhaupt keine Zeit und Mittel haben sich kritisch zu den gesellschaftlichen Zusammenhängen bezüglich ihres und anderen Elends hinaus Gedanken zu machen.  Denn wenn sie ihren Fuss schon in einem konstruierten Käfig haben, dann ist der nächste gar nicht weit weg und die Gedanken, die sie sich dazu machen oder eben nicht machen, entsprechen genau dem, was diese Käfige im Grunde nur legitimiert und sie nicht ursächlich in Frage stellt. Und gleichzeitig bleibt ihnen zunächst nur, wenn sie noch an Hinter dem Horizont geht’s weiter glauben können, sich abzurackern und zu versuchen sich irgendwie in die vorgegebenen Strukturen einzupassen. Und ich unterstütze sie dann dabei, was das nächste Dilemma eröffnet, weil ich in diesem Rahmen meine Aufgabe als sozialpädagogische Fachkraft in dieser gesellschaftlichen Ordnung zu erfüllen habe, aber grundlegend diese Ordnung in Frage stelle.  Aber das wäre jetzt ein anderes Thema.

Jedenfalls macht es aus meiner Sicht Sinn, sich zum Thema Gesellschaftskritik in der Sozialen Arbeit etwas genauer auf ein Beispiel zu beziehen….

Da bin ich also neulich für einen 2 h Termin mit dem 18 jährigen S der Familie M verabredet und ich plane ne Stunde für seinen aktuellen Kram ein und für die andere Stunde offenes Gespräch. Ich frage dann, wie sich momentan sein Tag so gestaltet, da er die Schule mit einem Abgangszeugnis seit einem halben Jahr beendet hat und inzwischen zwei Dinger, die man so machen kann in seiner Situation, abgebrochen hat. Na ja, und S erzählt mir, eigentlich will er schon etwas machen, aber seinen Freunden geht es genauso und um ne Uhrzeit, wie jetzt – es ist 13.30 – stehen sie alle so auf, telefonieren miteinander, treffen sich gegen 16.00 uhr in der Shisha Bar, hängen ab und am Ende geht er für 2 Euro einen Döner essen. Die anderen 3 Euro von seinem täglichen Taschengeld steckt er in den Spielautomaten. Meistens kommt kein Gewinn dabei heraus, aber na ja, so meint er, man müsse da einfach nur Geduld haben…

Ich frage ihn dann, was er und ich jetzt machen sollen, damit sich an seiner Situation etwas ändern kann. …”Na wieder so’n Termin beim JobCenter, bei irgend einer Tante, die wieder neu ist und die mich wieder so bescheuerte Sachen fragt. Die tun so, als ob die die Superangebote für einen hätten und dabei ist das dann nachher wie Schule und voll die Verarsche. Da lernt man eh nix.”

Ich frage, was ihn denn am meisten nerven würde? Ihr merkt sicher schon, dass ich immer ein Haufen Fragen stelle, um zu erfahren, wie Mensch XY so tickt, aber dann kommt immer der Punkt, wo ich nicht mehr an mich halten kann – keine Ahnung, ob das produktiv ist oder nicht – und meine eigenen Gedanken zu der Sachlage formuliere. Jedenfalls gibt es nach so einer Frage meist ne riesen Pause, er lacht vor Verlegenheit, schaut aus dem Fenster, denn Blickkontakt mit mir geht gar nicht und sagt, dass er über sowas noch nie nachgedacht hätte und ich immer so komische Fragen stellen würde. Er lacht wieder. Ich lache auch und frage, ob er das Fragen von mir doof findet und er meint er mag das schon, aber ihm ist das unangenehm, wenn er nichts zu antworten hätte.

Es muss wohl noch erwähnt werden, dass ich die Familie inzwischen zwei Jahre kenne und sich derartige Gespräche oder wohl eher das Spiel Fragen ohne Antworten erst mit der Zeit ermöglicht haben. Okay denke ich mir, dann sollten wir vielleicht über Situationen, die ihm unangenehm sind, sprechen. Und dabei kommt dann heraus, dass er es hasst, wenn er für alles irgendwelche Zettel ausfüllen soll und mit fremden Menschen vom JobCenter, bei einer überbetrieblichen Maßnahme oder bei der Ausländerbehörde vorsprechen soll. Er will einfach, dass man nicht so viel reden und machen muss, weil, so erklärt er mir, er da voll ins stottern kommt, sich nicht so voll klug ausdrücken kann und dann sehen die meisten Typen auch noch so häßlich aus. Und ob ich mich nicht an den Typen vom letzten Mal erinnern könnte, der war doch voll eklig und so behindert. Er lacht wieder. Ich lache nicht.

Und nun ist wieder der Zeitpunkt erreicht, dass ich auf seine abwertende Sprache gegenüber anderen Menschen eingehen will, aber bevor ich etwas sagen kann, meint er schon schmunzelnd zu mir, dass er immerhin nicht mehr gesagt hätte, dass die alle schwul und fett seien. Hm, denke ich mir da, hat sich S jetzt wirklich bemüht oder macht er sich einfach nur lustig über mich?

Jedenfalls haben wir noch eine Viertelstunde. Und es rattert in meinem Kopf, ob wir jetzt besser bei seinen Minderwertigkeitsgefühlen bleiben sollten, ob ich das Thema von letzter Woche über die Ausländerbehörde und seiner Äußerung dazu, dass die da alle Rassisten seien wieder aufnehme könnte oder, ob ich einfach nochmals versuchen sollte eine Antwort auf die Frage, was ihn am meisten gerade nerven würde, zu bekommen.

Ich entscheide mich dann doch für ein kleines Referat und formuliere meine Gedanken zum Thema gesellschaftliche Ausgrenzung am Beispiel von S, frage ihn und warte keine Antwort ab, ob er es eigentlich nicht merkwürdig findet, dass man ihm keinen unbefristeten Aufenthalt gibt, weil er eine Anzeige wegen Diebstahl an der Backe hat und ihm gleich noch mit der Abschiebung droht? Dass man aber bei einem Menschen mit einem deutschen Pass, der auch hier geboren und aufgewachsen ist wie er und der auch nen Gürtel bei Karstadt geklaut haben könnte, nicht damit kommen würde, dass er zurück in die Türkei müsste, zurück in ein Land, dass weder er noch S besonders gut kennen… Und so weiter und so fort.

Das findet er jetzt ganz toll, weil so hätte noch keiner mit ihm geredet. Die meisten, so findet er, denken gar nicht so und: “ElectricOne, die meisten von Euch [Deutschen] sehen einen wie mich an und denken doch den wollen wir nicht. Die wollen keinen so mit Kette und diesen Haaren, so’n Ausländer heilt.”

Tja, ob diese Gespräche nachhaltig etwas bringen, frage ich mich, während wir uns verabschieden und ein Freund von S herein kommt, um ihn abzuholen und ich S ganz aufgeregt fragen höre: “Na Du Wichser, hast Du schon mit dem Araberschwein gesprochen”?…. Ich habe keine Antwort auf meine Frage. Und mache einfach weiter,…Schritt für Schritt mache ich weiter, eben wie Beppo Straßenkehrer, der beim kehren der Straße auch immer nur an den nächsten Schritt, an den nächsten Atemzug, an den nächsten Besenstrich denkt.

03.Feb.2010 Point of View

Ich finde ja schon, dass mein Job – zur Erinnerung, ich spreche hier von sozialer Arbeit, genauer Hilfen zur Erziehung, anders gesagt sozialpädagogische Familienhilfe oder eben ambulante Hilfe zur Erziehung … von Fachfremden oft kommentiert als: Ah die Super Nanny, was wir hier gar nicht so gerne hören – also dass dieser Job wirklich erfolgreich verläuft, wenn die sogenannten Klienten die Situation so verstehen, als ob die Nutznießer dieses Arbeits- und Beziehungsverhältnisses die sozialpädagogischen Helfer wären. Übrigens, aus meiner Sicht eine total weitsichtige Erkenntnis der vermeintlich Betroffenen, wenn man bedenkt in welchen prekären Lebenssituationen sie sich oftmals befinden.

Dennoch. Ganz zu einseitig würde ich das Verhältnis nicht betrachten, würde mich doch eine derartige Sichtweise in ein all zu schlechtes Gewissen treiben und zwar permanent. Und viel gravierender noch, mein Verständnis von der Sinnhaftigkeit Sozialer Arbeit wäre zerstört und ich gleich mit.

Jedenfalls gibt’s da manchmal so witzige Äußerungen von irgend einem Familienmitglied, die mir echt den Tag erheitern können und mich denken lassen, hey stimmt, so kann mensch das auch sehen.

Da war ich also gestern wieder in der Familie Ö, in der ich als EinzelfallhelferIn tätig bin und beschäftigte mich also mit dem Kind I, dass körperlich und geistig stark eingeschränkt ist, während ihre vierjährige Zwillingsschwester N, kerngesund und quickfidel unbedingt Heidi im Fernsehen schauen wollte. Kind I schaute nunmehr neugierig in die Flimmerkiste und nicht mehr auf unser bis dahin spannendes Charlie im Zoo-Spiel, woraufhin ich dann I fragte: “Willst Du auch Heidi schauen?” Ihre Antwort war mir nicht ganz klar und ich wartete noch ab, ob sie noch einmal die Antwort mit einer entsprechenden Kopfbewegung oder verbal wiederholen würde, während mich ihre Schwester N, weiterhin zum Fernseher schauend fragte: “ElectricOne, Du findest es doch schön, wenn jemand mit Dir spielt?” ….”Hm, ja.” …”Und wieso fragst Du dann die I, ob sie auch Heidi sehen will? Das ist doch dann gar nicht schön für Dich.”

Herrlich finde ich das. Und dann sitze ich neulich mit der völlig verzweifelten Mutter B der Familie O am Küchentisch. Drei Kinder im Alter zwischen 16 und 19 Jahren hat sie. Während unseres Gesprächs telefoniert sie dreimal mit ihrem Zweitjüngsten, der eigentlich nur zu seinem Verhaltenstherapeuten fahren wollte, aber ohne die Hilfe seiner Mutter den Weg dorthin nicht findet. Und vor zehn Minuten kamen ganz unverhofft zwei Menschen von der Polizei vorbei, diesmal, so meinten sie, sei alles ganz harmlos, sie wollen nur mit ihrem ältesten Sohn D sprechen, weil der doch einige “Konsorten” kenne und sie ein paar Informationen von ihm bräuchten. Also verziehen die sich mit dem Sohn ins Wohnzimmer. Kurz darauf kommt die Tochter zu uns herein, lacht etwas überzogen und zieht ihren Ärmel vom linken Arm hoch, während sie zu mir sagt: “Guck’ mal ElectricOne, meine krasse Narbe hier. Die habe ich mir vorgestern geholt, als ich vor Wut die Fensterscheibe eingeschlagen habe.” ….”Oookay, hm ganz schön schlimm.”

Und mir wird ganz schön öbel, aber ich versuche Gelassenheit zu wahren und Mutter B schaut mir eindringlich und den Kopf dabei langsam schüttelnd in die Augen und fängt plötzlich an zu lachen, während sie sagt: “Für Sie, ElectricOne ist das doch ne tolle Sache hier. Das ist besser als Fernsehen. Und Geld kriegen Sie auch noch dafür.”

Tja, ich hoffe, ich habe jetzt nicht all zu viele Neider auf mich gezogen. Das täte mir wirklich Leid. Denn ich persönlich schaue gar nicht so gerne Fernsehen.


29.Jan.2010 Stressfaktor – Kollegiale Beratung

Noch immer nicht ganz ausgenüchtert von der sternireichen Nacht, verlasse ich halbwegs schlaftrunken gegen 09.30 die Wohnung und fahre ins Büro zur kollegialen Beratung. Die kollegiale Beratung ist so eine Methode neben der Supervision, die es ermöglicht gemeinsam in der Gruppe systematisch ein Problemfall – hier bei uns geht es um soziale Arbeit, um sozialpädagogische Familienhilfe und damit um Beziehungsarbeit – zu reflektieren, um  in kollegialer Zusammenarbeit zu Lösungsvorschlägen für den sogenannten Falleinbringer zu kommen. Da ist schon so manch ein Kollege ganz ermuntert aus der Beratung gegangen, ich meine wohl, ich gehörte auch schon einst zu den Glücklichen. Plötzlich sieht man dann alles so klar, hat verstanden, dass die Konzentration zu sehr auf der KM (Kindsmutter) lag und zukünftig der KV (Kindsvater) mehr in die Gespräche einbezogen werden sollte, weil der sich wahrscheinlich vernachlässigt und ausgeschlossen von seinen drei Kindern fühlt…also, so was eben kommt da dann bei heraus. Und es entsteht der Drang am besten gleich zur Tat zu schreiten und die Ideen der Kollegen in der betreffenden F (Familie) anzuwenden. Und ganz ernst jetzt, die Methode macht schon Sinn…grundsätzlich auch für die Nicht-Falleinbringer, da kriegt man immer was mit, wie die anderen so ihren Job machen und kann meistens Parallelen zu den eigenen Praxisfällen (hier: die Familien und natürlich nicht und auf gar keinen Fall die eigene Familie, sondern die beruflichen Familienfälle) ziehen, wenn man munter und interessiert und eben nicht restalkoholisiert an der Beratung teilnimmt. Und so grundsätzlich bietet die Anwendung der Methode auch einen Moment der Entlastung, so was wie: ja, du bist nicht allein und es geht immer noch zumindest anders schlimm. Aber ich jedenfalls hab da heute einen zu viel gekriegt. Und ich streite auch mal gleich an dieser Stelle vehement ab, dass das mit dem Alkohol zu tun haben könnte, denn so viel habe ich gar nicht getrunken – wollte mich lediglich als Pro-BiertrinkerIn outen – und dennoch hat mich das Problem/ die Frage von Kollege XY, wie er möglichst schnell herausfinden kann, ohne das Vertrauen der Familie D zu verlieren, ob die sechsjährige K von ihrem Stiefvater sexuell missbraucht wird, in ein Gefühl von Ohnmacht versetzt. Ja klar, wir hatten alle wieder geistreiche Ideen und der sogenannte Perspektivwechsler in der Rolle des Stiefvaters hat unserem Kollegen XY echt den Aha-Effekt gegeben, als er im Ablauf der Methode an die Reihe kam und sich in der Stiefvaterrolle mit dem Satz äußerte: Wenn mich doch endlich der Herr XY ansprechen und fragen würde, was mich quält, ich würd’s ihm sagen, ich würd’ so gerne alles herauslassen., aber wenn mir dann plötzlich bewusst wird, worüber wir hier eigentlich sprechen, tja dann ist da nix mit Entlastung, sondern das Ergebnis ist dann eher die Kollegiale Verzweiflung und ich gehe an einem Tag wie diesem dann lieber nach Hause, lege mich für ne Stunde aufs Ohr, denn Tatendrang…hm, was ist das denn? …und schaue hilfesuchend in meinen Kalender und welch ein Glück, schon übermorgen ist Supervision, wohlgemerkt Supervision in der Gruppe…

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